Ein Blick in die Schweizer Geschichte zeigt: Kooperation war schon immer unser Erfolgsmodell

Nicole - Team s+v
Nicole - Team s+v
3 December 2021 Tempo: 4 minuti
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Kooperation
Souveränität ist ein schwer fassbarer Begriff, der je nach Standpunkt unterschiedlich definiert wird, gleichzeitig aber omnipräsent ist in der europapolitischen Debatte der Schweiz. Höchste Zeit also, diesem Schlüsselwort auf den Grund zu gehen. Was bedeutet uns Souveränität und welche Rolle kam ihr in der Schweizer Vergangenheit zu? Exakt diesen Fragen hat sich das vierte Webinar der Handelskammer beider Basel mit stark+vernetzt aus der Veranstaltungsreihe «Zukunft Schweiz-Europa» am Donnerstag gewidmet. Einmal mehr ist das Angebot auf grosses Interesse gestossen.

Die Diskussion um die Schweizer Europapolitik erinnert mich manchmal an meine Kindertage. Wie oft wollte ich – wie sagt man bei uns so schön – «s Föifi und s Weggli» haben. Und zugegeben, mit der Einsicht, dass das halt leider nicht immer möglich ist, war das jeweils eine schwierige Sache. Ein ähnliches Szenario lässt sich seit unzähligen Jahren bei der Europapolitik beobachten. Die Schweiz will einerseits möglichst unabhängig bleiben, aber gleichzeitig von den vielen Vorteilen der europäischen Integration profitieren. Es ist ein ewiges Hin und Her zwischen Alleingang und Zusammenarbeit mit den europäischen Nachbarn. Damit wir unsere Rolle innerhalb von Europa wieder finden können, lohnt sich ein Blick über den nationalen Zaun hinaus.

Integration als zentraler Entstehungsprozess der modernen Schweiz

Und auf genau diese Reise hat uns André Holenstein am gestrigen Webinar mitgenommen. Er ist Professor für Schweizer Geschichte an der Universität Bern und hat in seinem Inputreferat eindrücklich aufgezeigt, was die moderne Schweiz auszeichnet, auf die wir Schweizerinnen und Schweizer so stolz sind und die wir so vehement verteidigen. Dabei kam insbesondere folgender Aspekt zum Vorschein: Die internationale Verflechtung hat laut Holenstein die Entstehung unseres Landes massgebend geprägt. So habe sie uns beispielsweise in Kriegszeiten militärische Sicherheit gegeben, mit dem Solddienst wichtige Beschäftigungsmöglichkeiten für die männliche Bevölkerung geschaffen und Zoll- und Handelsprivilegien für Exportwaren der eidgenössischen Kaufleute ermöglicht. Auch hatten auswärtige Mächte grossen Einfluss auf die Transformation der alten Eidgenossenschaft zum Bundesstaat. Das hat gemäss Holenstein auch den Föderalismus gestärkt. Aus Untertanengebieten seien so neue und souveräne Kantone entstanden (u.a. Aargau, St. Gallen, Thurgau, Tessin sowie auch die Waadt).

Souveränität – ein Begriff mit vielen Facetten

Ein weiterer Punkt wurde am Webinar rasch klar: In der Schweizer Geschichte gibt es kein festgeschriebenes Souveränitätsverständnis. Entsprechend gross ist der Interpretationsspielraum. Und genau das sei eines der Hauptprobleme in der Debatte um die Europapolitik. Was Souveränität für sie bedeute, wusste Anita Fetz, Historikerin und ehemalige Ständerätin SP BS, an der anschliessenden Gesprächsrunde aber schnell zu beantworten: «Wenn man inmitten von Europa lebt, dann ist es doch ein Witz, wenn man meint, man müsse mit seinem Umfeld keine Kooperation pflegen.» Es gebe schliesslich globale Herausforderungen, die ein kleines Land nicht selbst bewältigen könne. In dieselbe Stossrichtung argumentierte auch Peter Gehler, Vizepräsident des Verwaltungsrats der Siegfried AG: «Gerade die Wirtschaft braucht Rechtssicherheit. Und dafür brauchen wir Abkommen. Unser wichtigster Partner, der uns auch geschichtlich und kulturell am nächsten steht, ist Europa.» Auch im Alltag würden wir doch Verträge eingehen, bei denen wir sehr gewollt und bewusst auf ein Stück Souveränität verzichten. Wieso also nicht auch bei der Zusammenarbeit mit unseren Nachbarsstaaten?

Blick für das Ganze öffnen, statt sich in Detailfragen zu streiten

Diese Frage lässt sich wohl – wie sich auch am gestrigen Webinar gezeigt hat – nicht so einfach beantworten. Einig waren sich die Gesprächsteilnehmenden aber vor allem darin, dass die Schweiz mit den bilateralen Verträgen einen privilegierten Sonderweg beschritten hat in der Zusammenarbeit mit der Europäischen Union. Sie waren stets ein sicherer sektorieller Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Doch Europa ist, wie so vieles im Leben, kein statisches Konstrukt, sondern ein dynamisches Projekt, das sich weiterentwickelt. Deshalb tut die Schweiz gut daran, ebenfalls flexibel auf neue Gegebenheiten zu reagieren. Die Schweiz liegt nun einmal da, wo sie liegt. Und zwar im Herzen von Europa. Deshalb braucht sie auch ein konstruktives Verhältnis zu den sie umliegenden Nachbarn. Das ist schon immer ein Erfolgsmodell der Schweiz gewesen, und wird es weiterhin bleiben. Und genau das darf nicht in Vergessenheit geraten.

Webinar Schweiz-EU: Souveränität um jeden Preis?
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Übrigens: Prof. André Holenstein ist uns für einen Podcast schon einmal Red und Antwort gestanden. Wenn du also noch mehr zum Thema «Die Souveränität der Schweiz damals und heute» erfahren willst, dann hör rein. Es lohnt sich.

Warum wir uns fĂĽr eine konstruktive Europapolitik einsetzen.